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Die Kriegsniederlage von 1918, verbunden mit der Abdankung Kaiser Wilhelms II., beendete die Zeit der Monarchie in Deutschland. Doch es folgten weitere geschichtliche Epochen und mit ihnen Neugestaltungen und Umwälzungen, die immer größer wurden, je weiter sich das Rad der Geschichte drehte.

Der RV Zugvogel blieb nicht von diesen geschichtlichen Ereignissen und seinen Höhepunkten verschont, und machte seinerzeit selbst Veränderungen und Neugestaltungen durch, die man bei der Gründung nicht für möglich gehalten hätte und die auch kaum denkbar wären.

Der Wiederaufbau 1919 begann damit, dass die früheren Mitglieder wieder gesammelt wurden und neue hinzu kamen, so dass bereits im Januar 1919 die erste Versammlung unter dem damaligen Vorsitzenden, Herrn Weber, statt fand. Als Versammlungslokal diente ein Restaurant in der Langen Laube, Ecke Hausmannstraße, das heute längst nicht mehr existiert.

„Das Hauptaugenmerk wurde vom Vorstands traditionsgemäß auf die Ausbildung einer Rennmannschaft gelegt, ohne dass der Wandersport und die Geselligkeit vernachlässigt wurden“ (Zitat Chronik). Dieses Zitat zeigt ganz deutlich, wie wichtig schon zu damaliger Zeit, sogar ein Jahr nach Kriegsende, auch die anderen Bereiche des Vereinslebens waren.

Nach guten Anfangserfolgen in einem Rennen des „Konsulats Hannover der Allgemeinen Radfahrer-Union“, der der Verein damals kooperativ angehörte, wurde zielstrebig weiter gearbeitet. Die Rennmannschaft wurde mit weiteren Fahrern für Bahn und Straße verstärkt, und schon bald dominierte der Verein innerhalb der Radsportgemeinde Hannovers.

Mit dem Jahr 1920 bezeichnet die Chronik den Beginn der Blütezeit des Vereins unter der Führung des neuen Vorsitzenden, Paul Redemann. Unter dem Namen „Radsport-Verein Zugvogel v. 1912 Hannover“ ließ der Vorstand im November den Verein in das Vereinsregister beim Amtsgericht eintragen. Stadtgeschichtlich gesehen bedeutete das Jahr den Zusammenschluss Hannovers und Lindens (1. Januar 1920).

Neben den großen Radsportereignissen Hannovers, wie etwa der „Große Straßenpreis von Hannover“ oder „Rund um Hannover“, war in jenen Jahren auch die Vereinsmeisterschaft von hochrangiger Bedeutung. Sie bildete alljährlich im Oktober den Abschluss aller radsportlichen Veranstaltungen vor großem Publikum. Gestartet wurde in zwei Gruppen – Berufs- und Herrenfahrer – am Tönniesberg in Linden, und dann ging es über die „Löwenstrecke“ – den „Deisterkamm bei Nienstedt. Der Sieger erhielt neben den sonstigen Ehrenpreisen eine vergoldete Medaille. „Rennsport, Wandersport und Geselligkeit ist die Tradition des RVZ., sie haben stets die größte Pflege im Verein gefunden“ (Zitat Chronik). Der Wandersport hat sich bis heute eigentlich kaum verändert.

Genau wie heute führten auch in jenen Jahren der Neugründung nach dem ersten Weltkrieg die Ausfahrten in die nähere und weitere Umgebung Hannovers, und nach einem Punktsystem wurde damals genauso wie heute gewertet. Die offizielle Anfahrt führte immer nach Schloss Wennigsen ins „Schützenhaus“. Auch in jener Zeit wurde im Ziellokal einer Wanderfahrt ein guter Imbiss eingenommen. An der Anfahrt beteiligten sich fast alle Mitglieder, soweit keine Rennen daran hinderten, „und es war dem Vorstand immer ein Vergnügen, auch die Bahnfahrer unter den Teilnehmern zu sehen“ (Zitat Chronik).

Am 26. Februar 1922 fand das 10jährige Stiftungsfest statt. Wenn im allgemeinen Zeitraum von zehn Jahren ein Nichts bedeutet, erst recht für die Lebensdauer eines Vereines, so darf aber nicht vergessen werden, um welchen Zeitabschnitt es sich handelt. Jedenfalls berichtete in einem größeren Artikel die Zeitschrift „Radsport“ (vermutlich nicht identisch mit der heutigen Ausgabe) in ihrer Ausgabe Nr. 10 vom 6. März 1922 über dieses gesellschaftliche Ereignis, und der Kaufmann, Paul Kugel, stiftete auf diesem Fest dem Verein das vorliegende Buch für seine Chronik.

Schwierigkeiten gab es damals schon, und die Industrie war auch schon mit dem Sport verbunden. Interessant ist hier die Vielzahl der Radsportverbände.

Doch 1922 gab es auch schon erste finanztechnische Probleme. Der Verein nahm eine Anleihe aus Mitgliederkreisen auf. Natürlich waren damit für den Moment die dringenden Finanzprobleme mit einem Schlag gelöst. Doch die schwierigen Wirtschaftsverhältnisse rückten immer stärker in den Vordergrund. Schon im Juni wurde auf  einer außerordentlichen Generalversammlung ein Sonderbeitrag von 50,00 Mark zur Stabilisierung der Kasse für jedes Mitglied festgesetzt. Außerdem stellte das im Jahr zuvor aus dem Verein entfernte Mitglied, Erich Möller, die Bitte um Wiederaufnahme an den Vorstand.

„Viel  Staub ist nun um dieser Sache willen aufgewirbelt, bis dann eine außerordentliche Generalversammlung um 08. September endgültig die Wiederaufnahme ablehnte, da zu befürchten stand, dass diese unliebsamen Zwischenfälle zeitigen könnte“ (Zitat Chronik). Heute wissen wir, dass Erich Möller sogar Ehrenmitglied wurde.

Im Inflationsjahr 1923 war es nicht einfach, im Strudel der Ereignisse den Verein durch die Wirtschaftskrise zu steuern. Aufgrund der drückenden Finanzprobleme wurde auf der Generalversammlung am 15. Dezember 1922 erstmalig in der Vereinsgeschichte beschlossen, die Gelder arbeiten zu lassen, um so einen Verdienst für den Verein zu erwirtschaften. Bis dahin wurden sämtliche Gelder beim Kassierer geführt. Allerdings war dieses Unternehmen nur von kurzer Dauer, weil die dafür zuständigen Herren aufgrund der trostlosen wirtschaftlichen Lage nicht mehr die Verantwortung übernehmen konnten.

„Trotz der Höhe der Mitgliederbeiträge konnten diese nicht Schritt halten mit der rasanten Preissteigerung, die von Woche zu Woche drückender wurde.

Alle Anschaffungen von Preisen, Medaillen usw., wie auch die Ausgaben für Porto und Anderes, verschlangen Summen, die von der Million zur Milliarde sprangen, und die sechsmal genullte Zahl schließlich als ein Nichts erscheinen ließ.

Als dann später im September durch die Abhaltung eines Bahnrennens dem Verein 800 Millionen als Überschuss zuflossen, wurden diese in eine Aktie der Mittelland-Werke angelegt, die heute einen Wert von sieben Billionen repräsentiert. In diesen Sprung von Millionen zu Billionen drückt sich das ganze Elend unseres heutigen Wirtschaftslebens aus, das alles zu ersticken droht, ob Staat oder Kommune, Wirtschafts- oder Sportverband, Familien- oder Einzelleben“(Zitat Chronik).

Auf einer außerordentlichen Generalversammlung am 13. Juli 1923 wurde der Beschluss gefasst, die Beiträge den veränderten Verhältnissen anzupassen.   Zur Annahme gelangte ein Antrag, der besagte, „den Beitrag auf der Basis des jeweiligen Brotpreises von Monat zu Monat festzusetzen. Nach dieser Berechnung würde sich der Beitrag für Juli 1923 auf 10000 Mk. Stelle, während die Jugendmitglieder ein Zehntel dieses Betrages zu zahlen hätten“ (Zitat Chronik). Die Währungsreform im November 1923 beendete die Inflation.

Für den Rennsport war in jenem Jahr noch eine weitere außerordentliche Generalversammlung von großer Bedeutung, nämlich die vom 20. April. In ihr stellte das Mitglied Robert Liegerer einen Antrag, der zum Teil entscheidend und wegbereitend für den weiteren sportlichen Werdegang des Vereins war.

„1. Sperrung der Mitglieder-Aufnahme bis 1. Oktober 1923. Aufnahmen nur bei nachweislich guten Fahrern.
2. Regelrechtes Training der B-Fahrer und Jugendfahrer an festgesetzten Tagen und Zeiten unter Leitung des Kameraden Liegerer.
3. Unbedingte Befolgung der gegebenen Anordnungen, sonst Ausschluss aus der Mannschaft.
4. Schärfere Maßnahmen gegen Mitglieder, welche zu den festgesetzten Ausfahrten nicht erscheinen oder mit der Zahlung ihrer Beiträge im Rückstand bleiben, also ein Interesse am Verein nicht mehr bekunden, unter Hinweis auf $4 unserer Satzungen“ (Zitat Chronik).

Dem Antrag wurde stattgegeben. Dazu muss man wissen, dass Robert Liegerer als Radrennfahrer zugleich der verantwortliche Kassierer des Vereins war und zu den drei maßgeblichen Männern am Wiederaufbau des Vereins nach dem Kriege gehörte. Sein Antrag ist aus heutiger Sicht auf den ersten Blick nicht gerade bedeutungsvoll, und doch ist er bei näherer Betrachtung aus verschiedenen Gründen interessant. Während Punkt 1 eine reine Notmaßnahme für die damalige Zeit war, haben die Punkte 2 bis 4 Beziehungen und Bindungen bis in die heutige Zeit. Punkt 2 ist somit die erste schriftliche Festlegung eines Trainingsplanes und der Nachwuchsförderung. Den Begriff Trainer oder Übungsleiter hat es wohl noch nicht im Verein gegeben, doch zweifellos übte der damals 33-jährige Robert Liegerer diese Funktion wohl als Erster aus. Ergänzend dazu muss noch erwähnt werden, dass dieser Trainer und Übungsleiter mit wahrscheinlicher Sicherheit nicht per  Auto hinter seinen Schützlingen herfuhr, sondern mit dem Rennrad.

Punkt 3 und 4 kann man durchaus als ersten Maßnahmenkatalog in sportlicher und finanzieller Hinsicht anerkennen. Wobei Punkt 4 auch noch der erste schriftliche Hinweis auf eine Satzung ist. Die Wirtschaftskrise und die anderen Schwierigkeiten in den Jahren des Wiederaufbaus zeigten aber auch, dass die Führung in bewährten Händen gelegen hat, und der jeweilige Mitarbeiterstab sich den Aufgaben bewusst war, die jeder Einzelne übernommen hatte. Die großen sportlichen Erfolge festigten zusätzlich das Ansehen des Vereins.

Lesen Sie weiter: Überbrückung der Jahre 1924 bis 1945

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